BLOG: 10.09.2021

New Work 2021 - Was bleibt von Frithjof Bergmann?

New Work 2021/22

Frithjof Bergmann hat den Begriff der „Neuen Arbeit“ geprägt wie kein anderer. Unternehmen, Coaches und Jugendliche fragten ihn sein halbes Leben lang um Rat. Was bleibt vom Urvater des New Work Begriffs, der 2021 im Alter von 90 Jahren verstarb?

Würden wir tausend Personen fragen, was Arbeit für sie bedeutet, würden wir mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit tausend mehr oder weniger unterschiedliche Antworten bekommen. Ist das nicht erstaunlich für eine so alltägliche Aktivität, der täglich Milliarden von Menschen nachgehen?

 

Der Visionär und seine Jünger

Frithjof Bergmann, der "Urvater" der New-Work Bewegung ist Ende Mai diesen Jahres im Alter von 90 Jahren verstorben. Er war ein Wegbereiter, Visionär, Philosoph, und einer, der die Zukunft positiv sah. Er war ein Macher. Er hat vor fast 40 Jahren Entwicklungen der Arbeitswelt erkannt, die er sicher gerne rascher umgesetzt gesehen hätte. Er konnte sichtlich erst gehen, als er erkannte, dass seine Vision einer radikalen Änderung des Arbeitens endlich Wirklichkeit wurde.

 

Vor 20 Jahren prophezeite Bergmann, dass wir irgendwann unsere Alltagsgegenstände mittels 3D-Drucker selbst ausdrucken könnten. Heute können wir Schuhe, Möbel, Medizin und Häuser ausdrucken, wenn auch nicht in Serie. Aber das ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit.

 

Seine Wegbereiter beschreiben Bergmann als den Mann mit dem schweren Koffer und der Reise-Espressomaschine, mit der er „unglaublichen starken Kaffee“ braute und der "niemals schlief. Er zog seine Zuhörer unmittelbar in den Bann, verlangte ihnen mit seinen wortreichen Monologen aber auch viel ab. Er habe stets volksnah gesprochen, ganz ohne akademisches Gehabe, aber er habe auch Menschen vor den Kopf gestoßen mit seiner höflichkeitsfreien Direktheit.

 

Steter Tropfen hölt den Stein

Als ich vor etwa 5 Jahren während einer Recherche über alternative Arbeitsformen über den Begriff New Work stolperte, lernte ich Frithjof Bergmanns These kennen, dass Arbeit viel mehr sei als nur Erwerbstätigkeit. Ich war schockiert, als ich erfuhr, wie lange Bergmanns Frage „Was willst du wirklich, wirklich?“ schon durch die Arbeitswelt geistert.

 

Arbeit vom Lohnsystem zu entkoppeln und Community Produktion als Ausweg aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von einem kapitalistischen System zu definieren, klang doch logisch. Der Arbeit ihren Sinn zurückgeben – das verstand ich anfangs nicht, weil für mich Arbeit immer mit Sinn verbunden war. Dass Idealismus für den Großteil der arbeitenden Bevölkerung keine Prämisse ist, musste ich erst erkennen, als ich begann, selber Mitarbeiter zu heuern.

 

Bergmann wollte bei General Motors in Flint im Jahr 1982 der drohenden Massenarbeitslosigkeit entgegenwirken. Er gründete das erste Zentrum für New Work, in dem die Fließbandarbeiter ihren beruflichen Wünschen äußern konnten. Die Arbeiter wurden gecoacht, manche machten sich selbstständig, gründeten Cafés und Yogastudios.

 

Arbeit ist mehr als ein Paycheck

Bergmann gründete weltweit solche Zentren. New Work als schmuckes Asset für die gut ausgebildete Elite der Wissensgesellschaft war Bergmann sein ganzes Leben lang fremd. Man fand ihn vor allem bei den Underprivilegierten, bei den Zweiflern und Chancenlosen. In Zeiten der Digitalisierung und Automatisierung wird uns endlich klar, dass wir ein digital-humanistisches System erschaffen müssen, das Wertschöpfung für Individuen und die Gemeinschaft gleichermaßen bietet und gerade dadurch nachhaltiges Wachstum erzeugt.

Unser Verständnis von Arbeit gleicht einem komplexen Geflecht, das sich aus verschiedenen Faktoren und Erfahrungen zusammensetzt. Persönliche Lebenssituationen, Ziele, Hoffnungen und Vorstellungen darüber, was es heißt, einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten, spiegeln sich darin genauso wieder, wie kulturelle, wirtschaftliche und soziale Bedingungen.

Nicht mehr diskutieren müssen wir, dass ein guter Arbeitsplatz erheblich zur Stabilität in unserem Leben beiträgt. Er stellt uns in einen sozialen Zusammenhang. Frithjof Bergmann war überzeugt davon, dass die Arbeit ist ein wesentlicher Aspekt ist, über den wir uns als Menschen definieren und es daher nicht verwunderlich ist, dass große Umbrüche wie die digitale Transformation eine gemeinschaftliche Herausforderung darstellen.

 

Bergmann’s Visionen weitergedacht

Kooperatives Arbeiten – von Menschen und Maschinen

Digitale Assistenzsysteme, Brain-Computer-Interfaces, Roboter, die mit Menschen kooperieren – und alle anderen möglichen User-Interfaces: Menschen und Maschinen werden in Zukunft immer intensiver miteinander arbeiten. Neben der Interaktion ist die Kooperation, die zweckorientierte Zusammenarbeit im Hinblick auf gemeinsame Ziele, ein Merkmal für gemeinschaftliche Arbeit. Die menschliche Handlungsweise wurde durch technische Anwendungen erweitert: von den ersten Telefonen bis hin zu modernen Onlinetools. 

 

Die Fragen, die wir uns heute stellen, lauten: Wie sieht unsere Zukunft aus, wenn wir unseren Alltag mit smarten KI-Technologien ausstatten? Gibt es wirkliche Kooperation zwischen Menschen und Maschinen, oder bleiben sie Werkzeuge, die für unsere Bedürfnisse eingesetzt werden? Wer bestimmt über diese Bedürfnisse? Welche Entscheidungsbereiche sollten den Menschen vorbehalten bleiben?

 

KI-Services der Zukunft

Steuern wir auf eine Zukunft zu, in der unsere Städte, Häuser und Büros so „smart“ werden, dass sie sich an jeden Einzelnen anpassen können? Ist das eine Zukunft, die wir wollen? Im Zukunftsfestival Ars Electronica in Linz wurde Anfang September 2021 ein Arbeitsraum inklusive experimenteller KI-Service namens Queen B vorgestellt, der persönliche Daten sammelt und die Nutzer durch den Tag lenkt, indem er ihnen personalisierte Sprachnachrichten sendet („Sie sehen etwas müde aus, ich schlage vor, dass Sie sich einen Kaffee holen“, „Ich habe festgestellt, dass Sie ein Morgenmensch sind; beginnen Sie den Tag in der Fokuszone“ usw.).

 

Indem Queen B bestimmte Aktionen und Bewegungen vorschlägt, unterstützt sie die Nutzer*innen dabei, so produktiv wie möglich zu sein. Ist dies ein bequemer Service, der uns hilft, das Beste aus uns herauszuholen, oder ein abschreckendes Szenario, das unsere Privatsphäre und Autonomie untergräbt?

https://vimeo.com/344982974

 

Tool of the future

Wir haben bereits früh begonnen, uns das Leben durch Werkzeuge zu vereinfachen. Die ältesten Funde von Arbeitsgeräten aus Stein sind etwa 2,6 Millionen Jahre alt und es ist nicht verwunderlich, dass wir ganze Perioden der Menschheitsgeschichte durch bestimmte Materialen und Produktionstechniken definieren. Ob Bronze- oder Eisenzeit, die erste industrielle Revolution oder das Digitalzeitalter, alle markieren einen tiefen Einschnitt in die Art und Weise der Arbeit. Der momentane Wandel der gesamten Arbeitswelt lässt sich kaum auf einige wenige Tools reduzieren, vielmehr entstehen durch die digitalen Möglichkeiten – wie in einem Labor – neue Anwendungen in allen Berufsfeldern. Welche neuen Tools werden wir verwenden, um unseren Arbeitsalltag zu erleichtern?

 

Marinero – vom Wetter beeinflusstes Gewebe

Der Wissenschaftler Jef Montero hat einen architektonischen Blueprint entwickelt; ein gewebtes Quadrat, das die Grundlage für verschiedene Anwendungssituationen bildet. Die Form des Stoffes entsteht durch die Wetterbedingungen, denen wir begegnen und nicht durch traditionelle Schneide- und Konfektionstechniken.

 

Die Vision ist, ein neuartiges Produktionssystem zu entwerfen, das zu anpassungsfähigen Kleidungsstücken führt, die individuell mit uns wachsen. Die Kombination speziell produzierter und gewebter Fäden verursacht Reibung und führt zu dynamischen Formen, die Menschen helfen, die bei unterschiedlichsten meteorologischen Bedingungen wie Regen, starkem Wind oder Trockenheit leben und arbeiten.

 

Was bleibt vom Meister der Schachtelsätze?

Menschen, die Bergmann nachhaltig geprägt und inspiriert hat, haben eine Podcastfolge zusammengestellt à  "Arbeit mal anders" auf Apple PodcastsSoundcloud oder Spotify. Markus Väth, Sachbuchautor und Gründer der Plattform Humanfy.de und Initiator der New-Work-Charta sagt: „Bevor Frithjof Philosophieprofessor wurde,  wollte er Schauspieler werden. Er arbeitete als Tellerwäscher und Preisboxer. Ich war Therapeut, Jeansverkäufer und Profimusiker. Irgendwann dachte ich mir, du bist doch nicht der Verlierer der Arbeitsgesellschaft, weil du soviel ausprobierst!"

Bergmann‘s Träume werden letztlich wahr werden. Immer mehr Menschen werden tun, was sie wirklich, wirklich wollen. Sein Sohn meinte in einem Interview, er bewundere die Hartnäckigeit seines Vaters, der unbändiges Lebensfeuer in sich hatte, einen unbezwingbaren Drang, etwas zu bewegen und zu bewirken auf dieser Welt und der für seine New Work Idee gebrannt hat.